Mayon-Vulkanausbruch: Bergsteigerunglück auf Philippinen

Heute vor genau einem Jahr, am 7. Mai 2013 kamen fünf Kletterer, drei Deutsche und eine Spanierin sowie ein einheimischer Bergführer bei einem Ausbruch des 2462 Meter hohen Vulkans Mayon im Südosten der philippinischen Insel Luzon ums Leben. Wie konnte dies passieren? War Drittwelt-Schlendrian am Werk oder handelte es sich um einen „Act of God“? Roland Hanewald ist diesen Fragen vor Ort nachgegangen…

Die Namen der betroffenen Touristen seien hier aus Pietätsgründen nicht genannt. Die Vierergruppe, zwei Männer und zwei Frauen, zu denen sich noch eine Österreicherin („Sabine“) gesellte, war am Morgen des 6. Mai von dem Küstenstädtchen Malilipot in den Berg gegangen. Geführt wurde sie von Jerome Berin (22), Kenneth „Ken“ Jesalva (21) und Nicanor „Nick“ Mabao (18); die Träger Noel Llarena und Bonifacio Deblois waren ebenfalls mit von der Partie. Im Basecamp 1 auf ca. 900 Meter nahmen Rolly Llarena und zwei Helfer Stellung, um Mahlzeiten zu bereiten und hinterlassenes Gepäck zu bewachen.

Die Expedition war personell also gut gerüstet, und der Anstieg vollzog sich in seiner ersten Phase auch problemlos, obwohl das Wetter, ungewöhnlich für die Jahreszeit, recht wechselhaft war. Nach Erreichen von Camp 2 auf ca. 1200 Meter begann es gegen 15 Uhr ernsthaft zu regnen, und eine ungemütliche Nacht stand bevor.

Der Regen hörte erst um 7 Uhr am nächsten Morgen auf, und die Gruppe beschloss, auf den Aufstieg zum Krater zu verzichten, der schon gegen 3 Uhr hätte begonnen werden müssen, um rechtzeitig zurück zu sein. Stattdessen einigte man sich darauf, bis zum sogenannten Rabbit Ear vorzustoßen, einer kurios gestalteten Gesteinsformation auf ca. 1800 Meter Höhe. Von dort wurde schon bald der Rückmarsch durch einen flachen Canyon angetreten.
Da geschah es.

Einer der Guides hörte es zuerst und stieß einen Warnruf aus: „Cover (Deckung)!“ Das zunächst schwache Geräusch aus Richtung des Kraters baute sich innerhalb kürzester Zeit zu einem Crescendo auf. („Wie eine startende 707“, beschreibt Nick Mabao das Inferno). Gleichzeitig begann ein Aschenregen die Sicht zu verdunkeln, und die Luft roch stark nach Schwefelgasen.

Dann prasselten glühendheiße Bimssteinpellets nieder, die den Steigern zum Teil schwere Verbrennungen zufügten. (Ken Jesalva zeigt eine Beinwunde vor, die zwei Monate zum Heilen brauchte, und Nick Mabaos T-Shirt geriet auf seinem Rücken ins Glimmen). Doch das Schlimmste sollte noch kommen. Die Eruption hatte große Massen von Gestein losgerissen und hoch in die Luft geschleudert. Diese Felsbrocken, von Fußball- bis PKW-Größe und vieltonnenschwer, taumelten jetzt den über 45 Grad steilen Abhang hinab und schossen wie eine Kanonade in die schreckstarre Steigergruppe.

Die zwei deutschen Männer, die deutsche Frau und die Spanierin wurden fast gleichzeitig mit vernichtender Wucht getroffen. Guide Jerome Berin wurde im Bemühen, der deutschen Frau noch zu helfen, ebenfalls von einem gewaltigen Trumm überrollt und war auf der Stelle tot. Ken Jesalva und die österreichische Touristin befanden sich etwas tiefer und entkamen mit leichten Verletzungen. Nachdem relative Ruhe eingekehrt war, untersuchte Nick Mabao, obwohl selbst schwer verletzt und in seiner Gehfähigkeit eingeschränkt, die reglos Daliegenden in aller Eile auf Puls und Atmung. Es war nichts mehr festzustellen. Einem der deutschen Männer, berichtet er, „hingen die Eingeweide wirr heraus“. Der Plastikschutzhelm der Spanierin brannte lichterloh. Mabao leerte die zwei Liter seiner Wasserflasche darüber aus, doch der Frau war nicht mehr zu helfen. Die beiden Paare, denn um solche handelte es sich, hielten sich laut Mabao im Tod eng umschlungen, wie Liebende.

Die zwei Träger hatten zu Beginn des Ablaufs Deckung gefunden und waren unverletzt. Sie mussten den hart am Oberschenkel getroffenen Mabao jetzt bei seinem Abstieg stützen. Der junge Mann legte den größten Teil der Strecke auf dem Hosenboden zurück – alles andere als ein Vergnügen in dem teuflischen Gelände.

Doch Hilfe kam jetzt von unten, wo Rolly Llarena mit seinen zwei Assistenten eine Backup-Funktion innehielt. Guide Jesalva hatte einen Handy-Notruf abgesetzt und gleichzeitig die örtliche Bergrettung in Legaspi City verständigt, die sich jedoch zunächst einer chinesischen Gruppe von Kletterern annehmen musste, die hilferufend ebenfalls im Berg herumirrte, aber außer leichten Verletzungen von der Eruption verschont geblieben war. Die Reste der Expedition erreichten halbwegs wohlbehalten das Tal und wurden sofort hospitalisiert. Die Leichen der Erschlagenen konnten erst drei Tage später von militärischen Rettungskräften geborgen werden.

Wie konnte es an dem penibel auf seine seismische und eruptive Tätigkeit überwachten Berg zu diesem tragischen Geschehen kommen?

Obwohl im Ruf hoher Unberechenbarkeit stehend, kündigt der Mayon seine unruhigen Phasen verlässlich bis zu mehrere Tage im Vorfeld an. Von ferne sichtbares Kraterglühen am Vulkan, starke Dampfentwicklung und schwache Erdstöße leiten in der Norm eine Eruption ein, die leicht bis gewaltig ausfallen kann. In diesem Stadium werden über alle Medien Warnungen verbreitet und bei einem unmittelbar bevorstehenden Ausbruch zu Evakuierungen der umliegenden Dörfer geschritten. Dieserart konnte die Zahl der Opfer in den vergangenen Dekaden niedrig gehalten werden – wenn sich auch dickköpfige Bergbauern immer wieder den Anordnungen widersetzten und mitunter bitter dafür zu büßen hatten.

Früher musste Gottvertrauen genügen. Die meisten Toten gab es am 1. Februar 1814, als in dem Dorf Cagsawa mindestens 1200 Menschen in einer brühheißen Schlammlawine starben, die meisten in der Kirche, die sie flüchtend aufgesucht hatten. Denn der Mayon speit nicht nur „Bomben“ (Fachwort) und Magma aus. Er bedient die ganze vulkanische Klaviatur von todbringenden glühenden Gasentladungen (nuées ardentes) bis zu gewaltigen Schlammflüssen (Lahar), die alles in ihrem Pfad niederwalzen.

Zur Zeit des beschriebenen Aufstiegs war der Berg ruhig, es lag keine Warnung vor. Der Veranstalter Bicol Adventure Tours handelte durchaus umsichtig und verantwortungsvoll, als er den Weg freigab, und das Verhalten der Guides, als der Ernstfall eintrat, war vorbildlich, selbstlos, nobel sogar, wie der Tod von Jerome Berin unter Beweis stellt. (Er wollte, Gipfelpunkt der Tragik, einige Tage später heiraten).

Der Ernstfall war eine sogenannte phreatische Eruption, ein Freak im vulkanischen Geschehen, von keinerlei Vorwarnung begleitet und lediglich auf relativ kleinen Raum beschränkt. Aber das reichte. Eine Eruption der genannten Art kommt durch den Kontakt von größeren Wassermengen mit den magmatischen Innereien eines Vulkans zustande, wobei das Wasser explosionsartig verdampft und damit das 1000- bis 3000-fache seines ursprünglichen Volumens annimmt. Der Vorgang ist sehr kurzfristig, aber von großer Heftigkeit, und scharfkantiges Altgestein im Kraterbereich des Vulkans wird dabei in Mengen abgesprengt. Das Kletterteam war am 7.5.13 zur falschen Zeit am falschen Ort; wenige Meter hätten schon einen Unterschied zwischen Leben und Tod bedeutet.

Die philippinische Behörde für Vulkanologie (Phivolcs) hat den Berg seither innerhalb eines Radius von sechs Kilometern um den Krater für Kletterer gesperrt. Chris Newhall, US-Vulkanologe von Weltruhm und eminenter Kenner des Mayon, bedauert das, denn der Berg ist in der Tat von einzigartiger Schönheit, aber sicher ist halt sicher. Niemand möchte es auf eine Wiederholung des schrecklichen Geschehens ankommen lassen. Ken Jesalva jedenfalls hat genug vom Mayon und will nie wieder auf eine Bergtour gehen. Nick Mabao sieht das lockerer. Er war längst schon wieder ein paar Mal oben, immerhin aber stets innerhalb des zugelassenen Bereichs, denn er nimmt seine Verantwortung ernst, nach wie vor.

Roland Hanewald, Jg. 1942, lebte lange Jahre auf den Philippinen, darunter in der Stadt Legaspi, wo ihm der Mayon viele Male für Bergtouren bis zum Krater diente. In seinem „Abenteuer Handbuch Philippinen“ beschrieb er bereits 1983 die Schönheiten des Aufstiegs, wies jedoch auch auf die damit verbundenen Risiken und Gefahren hin, denn der Mayon galt schon immer als tückisch. Von einer phreatischen Eruption war jedoch noch keine Rede, denn bislang war keine dokumentiert. Viele mögen stattgefunden haben, ohne bemerkt zu werden. Glück gehabt, freut sich der Autor. Er empfiehlt Kletterlustigen dringend, vor jeder Tour mit der Phivolcs-Station (auf dem Linion Hill oberhalb des Flugplatzes von Legaspi) Rücksprache zu halten, um den Status des Berges zu erfragen. Besucher sind dort herzlich willkommen. Für Fragen zum Thema steht er unter rhanewald@web.de gern zur Verfügung.

Artikelbilder: Roland Hanewald

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